China

In Shanghai kracht es. Das chinesische Neujahr wird gefeiert wie der Teufel. Wolken von Schwarzpulverdampf wabbern um die Ecken und der Himmel explodiert unter Feuerwerk. Rote Laternen schmuecken die Gassen und Feuerballons steigen weit ueber die Wolkenkratzer hinaus. Es koennte einem Angst und Bang werden ab all dem Laerm, dabei ist er doch nur gut gemeint...

Vor langer Zeit lebte in China ein Monster in den Bergen, halb Stier halb Loewe. Ende des Winters, wenn es nichts mehr zu fressen gab, schlich es sich hinunter in die Doerfer und verschlang alles, was ihm ueber den Weg lief. Die Dorfbewohner lebten die ganze Zeit in Angst und Terror dem Tag entgegen, an dem Nian wieder ihr Dorf heimsuchen wuerde. Doch eines Tages, als Nian wieder in ein Dorf eindrang, fand es dort Kinder, die Bambusstangen verbrannten. Die Stangen zerbarsten in den Flammen mit trockenem Knallen. Der Laerm und die Flammen schreckten Nian zurueck. Als die Dorfbewohner das sahen, zuendeten sie ueberall Feuer an, haengten rote Fackeln an ihre Haeuser und machten die ganze Nacht lang Krach. Von diesem Tag an hat man Nian in ganz China nie mehr gesehen. Doch was einst war, koennte wieder geschehen, und so werden nun immer am Ende des chinesischen Jahres Chinaboeller gezuendet und rote Laternen in die Strassen gehaengt. Um das Boese zu vertreiben und das Gute willkommen zu heissen.

Die Moral von der Geschichte liegt natuerlich auf der Hand: Krach machen ist gut. Und daran muessen wir uns in den naechsten Wochen in China erstmals gewoehnen. Es kann schon mal vorkommen, dass direkt neben unserem Velo zehn Meter Knatterschnur losgehen. Mit einem Abbrenntempo von "einem Meter pro Minute" (Quelle Wikipedia) dauert der ganze Spass dann zehn Minuten. Und wir stehen mitten drin. Doch die Knalle sind ja nur "mittellaut".

Auch das Gehupe faellt wahrscheinlich ins Kapitel der Nian Legende. Wir sind uns ja hupende und winkende Lastwagenfahrer gewohnt und bis jetzt hat das immer Spass gemacht. Doch hier in China wird erst gehornt, wenn man auf der Hoehe der Radler faehrt und dann so ausgiebig, dass es uns einige Male beinahe aus dem Sattel spickt. Damit wuenschen uns die Lastwagenfahrer Glueck. Diese Einstellung ist wirklich eine feine Sache. Denn wenn man ausgiebig auf die Tube drueckt, muss man im Verkehr nicht einmal gross aufpassen. Das Glueck ist einem sicher. Darum kann man auch jederzeit ueberholen. Schmale Strassen, unueberblickbare Kurven und zu schnelles Tempo werden mit einer gut dosierten Portion Laerm einfach weggeblasen.

Wir finden nichts Gutes am Laerm und darum fahren wir mit dem Nachtzug weg von Shanghai und aus dem uebersiedelten Yangtsebecken hinaus. In den Biegungen des Li Flusses, zwischen Guilin und Yangshuo erhoffen wir uns ein paar stille Ecken. Die Liebesgeschichte um die ueberirdische Saengerin Sanjie Liu hat den Ort zwar zu einem von Chinas wichtigsten Touristenspots gemacht, doch jetzt in der Nebensaison und ausserhalb der ueberfuellten Top Sites sind wir allein.
Der Himmel ist neblig, grau und konturenlos. Das Bambusboot gleitet durch das diffuse Licht, um Sandbaenke und entlang von Felswaenden. Bergfinger umschliessen den Fluss, alt und verwittert, jeder hat seine eigene Form, seinen Namen. Doch wenn man nun durch die Schlucht hinausblickt, fuegen sie sich zu einem Muster zusammen, wellengleich umfliessen sie den Horizont. Es scheint, als gleite man nicht nur auf, sondern im Wasser, als waeren nicht nur der Nebel, sondern auch der Feengesang von Sanjie Liu zwischen den Kalksteinfelsen haengen geblieben.

Auch das Land der Dong, zweihundert Kilometer noerdlich von Yangshuo ist dem chinesischen Laerm entrueckt. Hier ueberspannen die gedeckten Wind- und Regenbruecken die Fluesse, verbinden die Dorfinseln mit der Aussenwelt. Sie sind das Wahrzeichen dieser Volksminderheit, in ihrem Schatten haben sich Generationen getroffen, an ihren Steinsockeln ist das Wasser von Jahrhunderten vorbeigestroemt. Sie sind zu Zeitfenstern geworden. Ueberschreitet man sie, landet man in einem anderen China. Holzhaeuser werden in Gemeinschaftsarbeit errichtet, Wasserbueffel pfluegen die Felder, gemaechlich und etwas vertraeumt. Nichts laesst sie aus der Ruhe bringen. Die Leute sind erstaunt, hier auf dem Land auf Fremde zu treffen, sie starren uns an. Doch sie sind freundlich, offener als die Chinesen, denen wir bis jetzt begegnet sind. Welch ein Gegensatz zu Shanghai. Welch ein Gegensatz zum Lebenstempo in den Grossstaedten.

Es ist, als wuerden wir durch einen Stummfilm radeln, als haette uns jemand nicht nur den Ton, sondern auch die Untertitel aus dem Kinofilm gestrichen. Wir sehen zwar was passiert, verstehen aber nicht, was gesprochen wird. Klar, auch in Kirgistan oder der Mongolei konnten wir uns nicht richtig mit den Leuten unterhalten. Aber hier koennen wir nicht nur nicht sprechen, sondern auch nichts mehr lesen. Wir versuchen uns die ersten chinesischen Schriftzeichen zu merken, denn auf dem Land ist laengst nicht jedes Strassenschild zweisprachig angeschrieben. Die schnatternde Ente, das Tischchen mit den zwei Beinen oder die Fernsehantenne - wir bauen uns Eselsbruecken, um nicht den naechsten Ort zu verpassen. Auch die Zeichensprache funktioniert nicht mehr barrierenfrei. Zeigen wir mit den Fingern zwei, heisst das hier sieben. Um einen leeren Radlermagen zu stopfen, ist das sicher nicht schlecht, aber wenn wir ein Hotelzimmer mit sieben Betten gezeigt bekommen, ist das schon schwieriger. Trotz allem, wir machen Fortschritte, versuchen nicht das Ying mit dem Yang zu verwechseln und einen Ort Namens Pingtang zu suchen ist ja auch lustig. Allerdings muessen wir schon damit rechnen, dass wir im Restaurant mal das Hundefleisch erwischen, weil das halt am besten aussieht.

China waechst. Doerfer werden ueber Nacht zu Staedten, Staedte zu Metropolen. Wenn wir auf unserer Landkarte einen kleinen Punkt anfahren, um am Abend zu uebernachten, landen wir in einer Millionenstadt. Es gibt keinen Unterschied zwischen den Orten. Alles sieht gleich aus: Grau, gesichtslos, monstroes. Wer will diese Gebaeude alle bewohnen? Wir fahren an topmodernen Vierteln vorbei, alle Fenster sind dunkel. Kein Mensch ist zu sehen. Ganze Stadtteile werden gebaut und zerfallen wieder, ohne dass sie je gebraucht wurden. Der Bauwahn greift ueber die Staedte hinaus. Unsere Landkarte ist nicht alt. Ein, zwei Jahre vielleicht. Doch anstatt der kleinen Bergstrasse, die bei uns eingezeichnet ist, treffen wir auf eine vierspurige Autobahn, die sich durch die Huegel frisst. Das Befahren mit dem Velo ist verboten. Es gibt aber keine andere Strasse mehr. In China ist das Fahrrad Haupttransportmittel, doch das wird einfach ausgeblendet. Wir nennen es die Ignorierungstaktik. Sie ist kompromisslos und schnell. Probleme sind so im Handumdrehen geloest. In ein Tal, das unter dem Staub der Kohleminen versinkt, stellt man ein paar SPA Hotels und macht auf Wirtschaftstourismus. Der Muell am Strassenrand wird direkt vor Ort verbrannt. Man hat dann umgehend die sauberste Provinz Chinas, aber beim naechsten Windstoss brennt es die umliegenden Huegel ab. Da wir nichts dagegen machen koennen, beschliessen wir das System zu unterstuetzen. Wir ignorieren die Fahrradverbotsschilder und radeln auf dem Pannenstreifen weiter.

Es ist unglaublich, aber die Taktik greift auch bei uns. Wir erhalten einen unheimlichen Entwicklungsschub. Die lauten Staedte werden schoen umfahren, Steigungen sind langgezogen und die Abfahrten hoeren nie auf. So schnell und problemfrei waren wir schon lange nicht mehr unterwegs. Es kommt uns gelegen, denn eigentlich wollen wir nur noch an einen Ort: Zu den verschneiten Sechstausendern des Himalaya. Bevor wir dieses Ziel aber erreichen, hoeren auch die Autobahnen auf. Die Taeler werden tiefer, die Paesse hoeher. Doch dann ist es endlich soweit.

Den ganzen Tag sind wir hochgefahren. Tief aus dem heissen Yangtse Tal, Windung um Windung. Die Muskeln brennen, die Wasserflaschen leeren sich als haetten sie Loecher. Irgendwann hoert jede Steigung auf. Irgendwann hat man den hoechsten Punkt erreicht, das wissen wir. Zweitausend Hoehenmeter und hundertzwanzig Kilometer zeigt der Tacho. Es ist kuehl geworden. Rings um uns bluehen wieder Kirschbaeume, die Hoehe hat die Jahreszeiten aufgewirbelt, hat vergessenen Fruehlingsstaub ueber den Sommer gelegt. Verschnaufpause, dann eine letzte Biegung. Wir steigen ab, blicken gespannt vom Pass ueber die Waelder, die Huegel. Wolkenfetzen wirbeln am Himmel, reissen auf. Nur kurz zwar, aber wir haben ihn gesehen, den Yùlóngxuě Shān, den Jade Dragon Snow Mountain. Das Tor zu Osttibet. Wir springen herum und schreien vor Freude. Die Autofahrer blicken verdutzt. Warum nur? Haben nicht sie uns gelernt, das Glueck in Lautstaerke zu fassen?

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